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Alle wollen Silvester feiern. Niemand will es planen.

Im Juli wollten wir Silvester planen. Jetzt ist Oktober. Warum das jedes Jahr passiert, erklären Psychologie, Verhaltensökonomie und 83 ausgewertete Gruppenchats.

A

Adrian Tecleanu

Autor

Alle wollen Silvester feiern. Niemand will es planen.

Jedes Jahr das Gleiche. Oder heißt es dasselbe? Bei uns stimmt beides: derselbe Gruppenchat, dieselben Leute, das gleiche Ergebnis.

Dabei hatten wir einen Plan. Schon im Juli wollten wir uns zusammensetzen, weit im Voraus nach Hütten in den Bergen oder einer aufregenden Städtereise schauen und endlich ein „besseres“ Silvester auf die Beine stellen. Wir hätten wenigstens abstimmen können. Jetzt ist Oktober. Schon wieder.

Was ist passiert? Jemand wollte sich doch darum kümmern. Wer war das gleich wieder? Ach ja. Er hat uns sogar darauf angesprochen. Danach kam nichts mehr. Ich habe ihm immerhin mein Budget genannt. Mein Beitrag zur Planung: beträchtlich.

Ich glaube, die Hälfte von uns hat längst woanders zugesagt. Als Notfallplan, versteht sich. Andere bleiben zu zweit auf dem Sofa und nennen das dann „gemütlich“. Und ich? Je näher der Jahreswechsel rückt, desto weniger Engagement verspüre ich. Paradox. Müssten Vorfreude und Tatendrang nicht eigentlich wachsen?

Ich verliere mich in Gedanken: Warum ist das jedes Jahr so?

Ein Mann der Wissenschaft ermittelt

Ich bin ein Mann der Wissenschaft. Ich werde eine Antwort finden. Und, wichtiger noch, eine Lösung.

Studien zur Silvesterplanung gibt es keine – ein klares Versäumnis der Forschung. Über Gruppenchats dagegen weiß ich einiges, denn ich habe 83 davon ausgewertet: 30.212 Nachrichten, vom Geburtstag bis zum JGA (eigene Auswertung, nicht repräsentativ). Das Ergebnis: Die Hälfte ist Geplauder. Echte Organisation – Termine, Geld, Zusagen, Logistik – macht gerade einmal 9 % aus. Die wichtigste Info liegt irgendwo zwischen „Haha“ und einem Hunde-GIF.

Das erklärt das Chaos. Warum wir überhaupt so zögern, erklärt es nicht. Da helfen Psychologie und Verhaltensökonomie weiter. Einige ihrer Befunde passen erschreckend gut auf uns.

Zu viel Auswahl, zu wenig Entscheidung

Den Anfang macht eine alte Bekannte: FOMO, die Fear of Missing Out. Genau genommen meine ich aber ihre kleine Schwester, FOBO – die Fear of Better Options. Man legt sich nicht fest, weil ja noch etwas Besseres kommen könnte. In unserem Freundeskreis ist das zum Glück selten. Wenn doch, geht es meistens schief: Wer auf das bessere Angebot wartet, landet am Ende als Anhängsel auf einer Party, auf die man nie wollte. Oder zu zweit auf dem Sofa.

Eng verwandt ist das Auswahlparadoxon: Je mehr Optionen, desto schwerer die Wahl. An Silvester ist das Buffet riesig. Hausparty? Club? Skihütte? Städtetrip? Oder einfach schick essen gehen? Alles ist möglich. Also passiert nichts.

Bevor man irgendwas Konkretes plant, plant man lieber gar nichts. Entscheidungsparalyse nennt sich das. Kenne ich. Bei mir heißt das nur nicht Entscheidungsparalyse, sondern Dienstag.

Fairerweise: Ob zu viel Auswahl wirklich lähmt, ist in der Forschung umstritten. Eine große Meta-Analyse fand im Schnitt praktisch keinen Effekt. Unser Gruppenchat hat sie offenbar nicht gelesen.

Alle lesen mit, niemand ist zuständig

Noch klassischer, und in jedem Gruppenchat zu Hause: die Verantwortungsdiffusion. Je mehr Leute etwas mitbekommen, desto weniger fühlt man sich selbst zuständig. Darley und Latané haben das schon 1968 gezeigt, damals mit einem gespielten Notfall statt mit Silvester. Das Prinzip ist dasselbe.

In der Praxis sieht das so aus: Jemand schreibt „Hey, was machen wir eigentlich an Silvester?“, will damit aber nur das Thema anstoßen, nicht gleich die Planung übernehmen. Irgendwer wird sich schon finden. Alle lesen mit. Niemand ist zuständig. Ihr erinnert euch an den Freund aus dem Juli? Eben.

Das bisschen Planung

Dazu kommt der Planungsfehlschluss: Wir unterschätzen systematisch, wie viel Zeit und Arbeit in einem Vorhaben steckt. Immerhin muss man an Silvester keinen Termin abstimmen, das hat der Kalender netterweise übernommen. Der Rest will allerdings besprochen werden. Ein Abend oder vier Tage? Welches Budget? Und wie bringt man „Hauptsache günstig“ und „Hauptsache Sauna“ unter ein Dach? Bis alle sich einig sind, ist die Hütte weg. Gute Unterkünfte für Silvester sind erfahrungsgemäß schneller ausgebucht, als alle „Klingt gut“ getippt haben.

Der beste Abend des Jahres. Kein Druck.

Bleibt noch der Erwartungsdruck. Silvester ist nicht irgendein Abend. Silvester muss der beste des Jahres werden. Wer so viel will, fängt oft gar nicht erst an. Prokrastination und Erwartungsdruck sind zwei verschiedene Dinge, aber sie schaukeln sich vermutlich gegenseitig hoch. Für das Ergebnis hat die Psychologie einen schönen Namen: die Intentions-Verhaltens-Lücke. Wir wollen. Wir tun nur nicht. Am Ende feiern wir dann nicht das Silvester, das wir uns erhofft haben, sondern das, was übrig bleibt.

Die naheliegende Lösung

Ihr merkt es schon: Das passiert mir nicht zum ersten Mal. Es gab gute Silvester und schlechte, gegrübelt habe ich jedes Mal. Ich plane oft und gern. Aber ich sehe nicht ein, immer derjenige zu sein, der alles stemmt, denn der Aufwand ist enorm. Meine bisherige Notlösung: nur noch mit denen planen, die wirklich Lust haben. Funktioniert. Fühlt sich aber eher nach Türsteher an als nach Gastgeber.

Ich habe deshalb getan, was man als vernünftiger Mensch so tut: Ich habe eine App programmiert. Völlig normal.

Avygo soll das Planen privater Treffen so leicht machen wie das Feiern selbst. Mit Remindern, die nerven, damit du es nicht musst. Mit einer Übersicht, in der nichts mehr zwischen Sprachnachricht Nummer 14 und dem dritten Katzenvideo verschwindet. Ihr sollt feiern, nicht eine Kompanie befehligen.

Konkret heißt das: Ihr legt Silvester in Avygo an, stimmt ab, ob Hütte oder Hausparty, teilt die Kosten und haltet alles fest. Ihr seht sofort, wer was mitbringt und wer wofür Geld ausgelegt hat. Nichts geht verloren. Klingt banal, ist es aber nicht: In 17 der 83 ausgewerteten Chats wurde etwas längst Geklärtes noch einmal gefragt. Euren Gruppenchat behaltet ihr trotzdem. Nur das Chaos zieht aus.

Und dieses Jahr?

Für die Hütte ist es wohl zu spät. Silvester kommt trotzdem. Pünktlich wie jedes Jahr. Zeit für den Selbstversuch: Ich lege den Abend in Avygo an, lade alle ein und hoffe das Beste.

Mal sehen, wer abstimmt.

P.S. An den Freund aus dem Juli: Mein Budget hast du ja schon.

Quellen

#silvester#planung#gruppenchat

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